11.06.2019

"Einheit in versöhnter Vielfalt"
Pfingstempfang des Kirchenkreises Leverkusen
Oberkirchenrat Frank Dieter Fischbach pädierte für eine europäische Vision.


Oberkirchenrat Frank Dieter Fischbach (li.) und Superintendent Gert-René Loerken.

Zum Pfingstempfang unter dem Motto: "Freude? Schöner? Götterfunken? - Kirchliche Sicht auf Europa 2019" hat der Kirchenkreis Leverkusen Partner aus Politik, Verwaltung und Nachbarn in das Haus der Kirche in Burscheid eingeladen. Superintendent Gert-René Loerken begrüßte die Gäste zu dieser Premiere mit einem launigen Hinweis auf das kommende Pfingstfest: "Den Geist Gottes können wir heute besonders gebrauchen."
Referent Oberkirchenrat Frank Dieter Fischbach (Hannover) ist ein Kenner der europäischen Szene - zum einen als langjähriger Referent für Europapolitik und zum anderen als Vertreter der Evangelischen Kirche im Rheinland in der Konferenz Europäischer Kirchen in Brüssel. Seine Vorstellung von einer positiven europäischen Vision lautet "Einheit in versöhnlicher Vielfalt."
Dass wir heute nicht euphorisch sondern eher skeptisch auf die EU schauen, habe mit mehreren Krisen zu tun, die sich zum Teil gegenseitig verstärkten. Als Stichworte nannte Fischbach den unterschiedlichen Umgang mit den Flüchtlingen, die Euro-, Finanz- und Wirtschaftskrise, die Brüsseler Bürokratie oder auch den Brexit - all das lasse die EU zerrissen wie nie erscheinen. Diese Krisenerscheinungen beflügelten das Entstehen eines mehr oder weniger ausgeprägten nationalen oder gar nationalistischen Populismus.

Die bisherige gemeinsame positive "Erzählung" von Europa rankt sich insbesondere in den westlichen Ländern um den Frieden nach den beiden Weltkriegen.
Anders in Zentral und Osteuropa. Diese Staaten konnten sich durch die EU aus dem russischen Einflussbereich befreien und als selbstbestimmender Staat agieren. Gleichzeitig waren sie enormen sozialen und wirtschaftlichen Veränderungsprozessen ausgesetzt, schafften es aber nicht,  auf "Augenhöhe" mit den altetablierten westlichen Ländern aufzuschließen. Hinzu kam eine hohe ethnische und kulturelle Homogenität, stellte der Referent fest: So sei das heutige Polen - anders als vor dem 2. Weltkrieg -  zu 98 Prozent eine der ethnisch homogensten Gesellschaften der Welt. Die Rückkehr zu ethnischer Vielfalt empfänden viele als Rückfall in die schwierigen Vorkriegszeiten.
Im Umgang mit den Flüchtlingen in der EU verstärkte sich die Re-Nationalisierung in weiten Teilen Zentral- und Osteuropas.
Deshalb werde es zentral sein, die unterschiedlichen Erfahrungshorizonte zusammenzubringen. Hier sollten die Kirchen einen Beitrag leisten. Fischbach verwies auf die positiven Erfahrungen mit dem Erasmus-Programm (die Förderung von Auslandsaufenthalten an Universitäten), um die Vielfalt in Europa erfahrbar zu machen.
Außerdem plädierte er dafür, Städtepartnerschaften zu nutzen, um den Kontakt mit anderen europäischen Kirchengemeinden zu pflegen. Evangelische Gemeinden als Orte von Partizipation leisteten so einen Beitrag zur Gestaltung der Zivilgesellschaft.

Superintendent Gert-René Loerken bekräftigte diesen Ansatz und berichtete von regelmäßigen Fortbildungen in Paris und dem Austausch mit französischen Kirchengemeinden oder einem Projekt im rumänischen Oradea.
Damit Europa nicht nur als Binnenmarkt, der den kalten Wettbewerb organisiert, wahrgenommen werde, gelte es, die soziale Angleichung, die Solidarität der Stärkeren mit den Schwächeren wieder stärker in den Fokus zu rücken. Denn durch die europäischen Hilfen, wie etwa den Europäischen Sozialfonds, profitiere auch Leverkusen - beispielsweise mit dem Projekt "RHEINDORFerLeben", das  Langzeitarbeitslose und Menschen mit Migrationshintergrund qualifiziert.
Fischbach rief dazu auf, Europa mit nüchterner, leidenschaftlicher Sympathie zu gestalten, denn: "Die Zukunft Europas liegt noch vor uns."