07.12.2018

Ringvorlesung Rat der Religionen
Armut und Reichtum als Herausforderung für Religionen und Gesellschaft
Welche Antworten haben die verschiedenen Glaubensgemeinschaften auf diese Frage?


Marion GenRai Lukas, buddhistische Gemeinschaft, Gert-René Lorken, Superintendent des Kirchenkreises Leverkusen, Peter Teller, Stadtdechant, Im

Obwohl Deutschland zu den reichsten Ländern der Erde gehört, gibt es hier viel Armut. Vor allem Kinder leiden darunter. Auch die Armut unter alten Menschen nimmt immer mehr zu. Armut ist oft nicht sichtbar, sondern eher versteckt. Gleichzeitig kann man lesen, dass die Schere zwischen Armen und Reichen immer größer wird. 
Wie stehen die Religionen zu Armut und Reichtum? Ist Armut ein Schicksal und Reichtum eine Gnade? Wie soll man mit den Armen umgehen? Und welche Verantwortung haben die Reichen? Diese Fragen standen im Zentrum der Ringvorlesung des Rates der Religionen am 01.12.2018 in der Sparkasse Leverkusen.
Für den Rat der Islamischen Gemeinschaften führte Imam Muhamed Mermari aus, dass reich und arm im Islam nicht als Gegensatzpaar begriffen werden, „sondern sie ergänzen sich und sollen zusammen leben.“ Armut werde danach nicht als Schicksal gesehen sondern als Aufgabe. Wer dagegen mit Reichtum gesegnet ist, hat diesen Wohlstand von Gott erhalten, soll Dankbarkeit zeigen und hat die Verpflichtung zu teilen.

Auch für die buddhistische Glaubensgemeinschaft gibt es die Vorstellung, dass Menschen verpflichtet sind, zu teilen. Allerdings steht hier individuelle Verantwortung im Vordergrund, so Marion GenRai Lukas, buddhistische Nonne: „Was kann ich persönlich zum Ausgleich zwischen arm und reich beitragen?“ Als Gegenmittel zum Geistesgift „Gier“ steht hier das Konzept der selbstlosen Großzügigkeit,  also „geben um zu geben einzuüben, ohne etwas zurückzuerwarten.“
Letztlich sieht GenRai  nur die Möglichkeit, dass die Menschen sich ganz persönlich verändern. Der Einfluss auf die Politik sei eher gering. „Wichtiger ist, sich persönlich zu fragen: was brauche ich und wie viel ist eigentlich genug?“
Jeder sei aufgerufen, handlungsfähig zu werden und statt an der Politik in der Welt zu verzweifeln, könne jeder ganz konkret überlegen, wie beispielsweise die gekaufte Kleidung hergestellt wird. Haben andere weniger, weil man billig einkauft, könnte man sich entscheiden, mehr zu bezahlen, damit die Menschen, die an der Herstellung beteiligt sind,  fair entlohnt werden. „Wenn alle teilen, haben alle genug.“

Für die christliche Kirche unterstrich Superintendent Gert-René Loerken die Verantwortung der Reichen für das Gesamtsystem. Dabei gehe es nicht um Gleichmacherei, aber „Reichtum braucht ein Maß, Armut eine Grenze.“ Aktuell habe Reichtum ein unanständiges Maß angenommen, wenn beispielsweise der US-Milliardär Warren Buffet 87 Mrd. US-Dollar besäße – um die aufzubrauchen müsste er 30 Jahre lang jeden Tag eine Million Dollar verschenken.
Das Grundgesetz postuliert, dass Reichtum verpflichtet und fußt damit auf dem biblischen Gedanken der Verantwortung. „Unsere Sicht ist, dass die Reichen in dieser Gesellschaft zu wenig Verantwortung tragen. Das ist eine Frage der Verteilung von vorhandenen Ressourcen.“
Als Skandal bezeichnete Loerken die Kinderarmut. In Leverkusen gilt jedes fünfte Kind als arm, sie haben keinen Zugang zu Bildung. Damit werde auch die Chance verspielt, später einen beruflichen Aufstieg zu realisieren. „Arme Kinder werden ausgegrenzt und die Armut wird über Generationen vererbt.“ Gerade diese Herausforderung ließe sich nicht auf der persönlichen Ebene lösen, hier sei eine gesellschaftliche Antwort notwendig. Dabei haben die christlichen Kirchen zum einen die Rolle als Mahner, zum anderen leisten sie aber auch – etwa durch Diakonie und Caritas – konkrete Hilfe.