Wie können Kinder früh erfahren, dass ihre Stimme zählt?
Dieser Frage widmeten sich zehn KiTa-Leitungen und die KiTa-Fachberatung im Kirchenkreis Leverkusen mit zwei Referenten vom 8. bis 10. Juli 2026 in der CVJM-Bildungsstätte Bundeshöhe in Wuppertal. Unter dem Titel „Kinderarmut als Herausforderung, Demokratiebildung in der KiTa – Fokus mit Gott“ ging es um die Bedeutung von Teilhabe, Selbstwirksamkeit und demokratischem Handeln im KiTa-Alltag. Die Veranstaltung wurde innerhalb des Projektes „Demokratiebildung 2.0“ durch die Kollekte Diakonie: Wichern heute – Antworten auf die sozial-ökologische Frage der EKiR sowie durch die Artur- und Aenne Köppen Stiftung gefördert.
Demokratie beginnt im Alltag
Demokratie ist kein Selbstläufer. Vertrauensverlust, gesellschaftliche Polarisierung und zunehmendes Misstrauen gegenüber Institutionen zeigen, wie wichtig es ist, demokratische Kultur immer wieder neu zu lernen und zu leben.
Dabei spielt die KiTa eine wichtige Rolle: Sie ist ein Ort, an dem Kinder Vielfalt erleben, Konflikte austragen, Entscheidungen treffen und Verantwortung übernehmen können.
„Die evangelischen KiTas bei uns sind stets an weiterer Verbesserung interessiert. Demokratiebildung gehört für die Leitungen und mich zur Vermittlung von Grundfähigkeiten, um als Teil der Gesellschaft mitzugestalten.“ erläutert Sandra Kutzehr, KiTa-Fachberatung des ev. Kirchenkreis Leverkusen, Initiatorin des Projektes.
Auch beim Thema Kinderarmut wird dieser Zusammenhang deutlich. Armut ist nicht als individuelles Versagen zu verstehen, sondern als Folge gesellschaftlicher Ungleichheiten. Für Kinder kann sie mit eingeschränkten Entwicklungs- und Teilhabechancen einhergehen. Und auch das Vertrauen in gesellschaftliche und politische Beteiligungsmöglichkeiten kann geschwächt werden, wenn die Erfahrung von Selbstwirksamkeit fehlt.
Demokratiebildung setzt deshalb früh an. Sie bedeutet, demokratische Haltungen und Verfahren im eigenen Handeln zu erfahren – etwa durch Mitbestimmung, gemeinsame Entscheidungen und das Aushandeln unterschiedlicher Interessen.
Besonders nachhaltig sind solche Erfahrungen dann, wenn es um Themen geht, die für die Beteiligten wirklich bedeutsam sind, und wenn Kinder erleben, dass ihre Beteiligung tatsächlich etwas bewirkt.
Demokratiebildung ist dabei ein lebenslanger Prozess. Sie schafft Chancen,
- sich eine eigene Meinung zu bilden,
- eigene Bedürfnisse und Interessen in Aushandlungsprozesse einzubringen,
- sich in Gemeinschaften zu engagieren und gemeinsam Prozesse zu gestalten und weiterzuentwickeln
- selbstbestimmt Entscheidungen zu treffen und Verantwortung für diese Entscheidungen zu übernehmen.
In der KiTa können diese Erfahrungen bereits ganz selbstverständlich in den Alltag integriert werden.
Mitbestimmen, aushandeln und Verantwortung übernehmen
Wie das konkret aussehen kann, zeigt die KiTa Bergisch Neukirchen. Im Rahmen der Maxigruppe hatten die Kinder die Gelegenheit, gemeinsam mit ihren Erzieherinnen an einer Rathausführung teilzunehmen. „Schon in der Vorbereitung beschäftigten sie sich mit ihren Rechten. In einer Kinderkonferenz wurden diese Rechte besprochen und gemeinsam überlegt, wie sie im KiTa-Alltag umgesetzt werden können“, erklärt KiTa-Leiterin Kirsten Lorig.
Einige Kinder brachten bereits politisches Wissen mit und waren besonders neugierig darauf, was sie im Rathaus erwarten würde.
Sie bekamen einen Eindruck davon, wie Erwachsene ihre unterschiedlichen Meinungen in einem Plenum darstellen. Im Ratssaal durften sie die Mikrofone ausprobieren und anhand von Bildkarten verschiedene Berufe der Stadt Leverkusen kennenlernen. Sie lernten Levi, den Stadtlöwen, kennen und wurden persönlich vom Oberbürgermeister begrüßt. Besonders beeindruckend waren für die Kinder die goldene Kette des Oberbürgermeisters und das Goldene Buch mit den zahlreichen Unterschriften der Fußballer aus dem Meisterjahr von Bayer 04. Auch die öffentlichen Finanzen wurden kindgerecht dargestellt. So konnten die Kinder nachvollziehen, wofür öffentliche Gelder benötigt werden und wie vielfältig die Aufgaben einer Stadt sind.
„Kompromisse zu finden, die eigene Meinung zu äußern und Verantwortung zu übernehmen – das ist Teil des täglichen Miteinanders in unserer KiTa“, so Kirsten Lorig. Die Kinder können bei vielen Entscheidungen mitbestimmen. Regeln für das gemeinsame Zusammenleben werden ernst genommen und beispielsweise auch aufgrund von Beschwerden der Kinder überprüft und verändert.
Denn Beteiligung bedeutet: Meine Stimme wird gehört und kann etwas verändern. Kinder ernst nehmen heißt, sie zu beteiligen.
Im Gegenzug bedeutet Partizipation allerdings nicht, dass Kinder alles selbst entscheiden können. Die KiTa hat einen klaren Erziehungs- und Bildungsauftrag.
Doch auch kleine Kinder können erste Schritte demokratischer Beteiligung lernen. Abstimmungen mit Bildkarten ermöglichen es bereits den Jüngsten, ihre Stimme abzugeben. Das kann bei der Frage beginnen, welches Essen bestellt werden soll, und bis zur Entscheidung reichen, welches Projekt als Nächstes durchgeführt wird.
„Im Frühjahr entschieden sich die Kinder beispielsweise für das Thema Schmetterlinge. Anschließend beschäftigten sie sich mit unterschiedlichen Methoden mit der Entwicklung von der Larve bis zum Schmetterling, beobachteten, lernten, gestalteten und bastelten“, erklärt Lorig.
Glauben, Gemeinschaft und Demokratie
In der Fortbildung mit den KiTa-Leitungen spielte auch die evangelische Perspektive eine wichtige Rolle. Die Tage waren gerahmt von Andachten und Impulsen. Präsentiert wurde auch die „Alle Kinder Bibel“. Demokratiebildung und religiöse Bildung können sich dabei gegenseitig bereichern: Wo Menschen einander zuhören, unterschiedliche Perspektiven wahrnehmen, Fragen stellen und gemeinsam nach Antworten suchen, wird Gemeinschaft erfahrbar.
Auch das gemeinsame Erleben kam nicht zu kurz. Ein Besuch im Escape Room sorgte für Teambuilding und machte spielerisch erfahrbar, wie wichtig Kommunikation, unterschiedliche Fähigkeiten und das Finden von Lösungen sind.
Am Ende der drei Tage stand nicht nur ein intensiver Austausch, sondern auch ein konkreter Blick auf die nächsten Schritte. Die Anschaffung von Fachmaterialien, Bilderbüchern und „Alle Kinder Bibeln“ aus dem Demokratiekoffer wurde gemeinsam besprochen. Zum Weiterarbeiten entstand außerdem ein Ideenspeicher, der die vielen Gedanken, Fragen und Umsetzungsmöglichkeiten aus den drei Tagen festhält.
„KiTa-Leitungen bereiten den Rahmen für Demokratie - von Klein an“ verstärkt Sandra Kutzehr die Wirkung. Demokratiebildung beginnt nicht erst, wenn Kinder wählen dürfen. Sie beginnt dort, wo Kinder erleben: Ich werde gesehen. Ich werde gehört. Meine Meinung zählt.
Genau darin liegt eine wichtige Aufgabe der KiTa – und eine große Chance, Demokratie von Anfang an als Lebensform erfahrbar zu machen.
