Wenn auf einem Jubiläumsfest Currywurstduft in der Luft liegt, eine Live-Band spielt und Menschen gemeinsam lachen, dann gerät leicht in den Hintergrund, worum es eigentlich geht. Beim 75-jährigen Bestehen des Betreuungsvereins des Diakonischen Werks wurde jedoch deutlich: Gefeiert wurde eine Arbeit, die für viele Menschen den entscheidenden Unterschied macht.
„Wir begleiten Menschen in schwierigen Lebenslagen mit dem Ziel, ihre Situation zu verbessern und zu stabilisieren“, sagt Geschäftsführerin Marion Petry. Denn eine seelische, körperliche oder geistige Beeinträchtigung kann dazu führen, dass Menschen ihre rechtlichen Angelegenheiten nicht mehr eigenständig regeln können. In solchen Fällen bestellt das Betreuungsgericht eine rechtliche Betreuung – eine gesetzliche Vertretung, die genau dort unterstützt, wo Hilfe erforderlich ist: etwa im Umgang mit Behörden, bei der Vermögenssorge oder bei gesundheitlichen Entscheidungen.
Dabei gilt heute ein Grundsatz, der früher keineswegs selbstverständlich war. „Bei der Betreuung stehen der Wille, die Wünsche und die Rechte der betreuten Menschen im Zentrum. Und nicht das, was wir als Betreuer für richtig halten. Es geht um das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben“, betont Marion Petry.
Diesen Anspruch leben die fünf Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter des Betreuungsvereins täglich. Sie begleiten derzeit 104 Menschen und unterstützen zugleich 107 ehrenamtliche Betreuerinnen und Betreuer, die vom Gericht bestellt wurden. Sie beraten, vermitteln und stehen den Ehrenamtlichen mit ihrem Fachwissen zur Seite.
Dass Selbstbestimmung heute im Mittelpunkt steht, ist das Ergebnis eines grundlegenden Wandels. Vor 75 Jahren sah die Realität noch ganz anders aus. Menschen konnten wegen „Trunkenheit“ oder „Verschwendungssucht“ entmündigt werden. Vormünder entschieden an ihrer Stelle – oft ohne deren Wünsche oder Vorstellungen einzubeziehen. Damals existierte weder das Diakonische Werk noch der Kirchenkreis Leverkusen; der Verein arbeitete noch unter dem Namen „Evangelische Jugendhilfe e. V.“.
Erst mit der Reform des Betreuungsrechts im Jahr 1992 wurde die Entmündigung abgeschafft. Seitdem ist der Wille der betreuten Menschen der Maßstab allen Handelns. Diesen Gedanken griff Superintendent Bernd-Ekkehart Scholten in seiner Ansprache auf und spannte den Bogen zu einer bekannten biblischen Geschichte. Als Jesus dem blinden Bartimäus begegnet, fragt er ihn nicht, was ihm fehlt oder was getan werden müsse. Er stellt eine einfache, aber entscheidende Frage: „Was möchtest du, dass ich dir tun soll?“
Für Scholten ist genau diese Haltung der Kern diakonischer Arbeit: Menschen ernst nehmen, ihnen zuhören und sie selbst formulieren lassen, welches Ziel sie verfolgen. So werden sie – wie Bartimäus – zu Gestaltern ihres eigenen Lebens und nicht zu bloßen Empfängern von Hilfe.
Dass dieses Selbstverständnis seit Jahrzehnten die Arbeit des Betreuungsvereins prägt, wurde beim Jubiläum nicht nur in Reden deutlich. Bei strahlendem Sonnenschein kamen Mitarbeitende, Ehrenamtliche, Klientinnen und Klienten sowie Wegbegleiter auf dem Außengelände am Bielert zusammen. Zwischen Live-Musik, Currywurst, Pommes und vielen Gesprächen wurde nicht nur auf 75 Jahre Vereinsgeschichte zurückgeblickt – sondern vor allem auf eine Zukunft angestoßen, in der Unterstützung und Selbstbestimmung Hand in Hand gehen.
