02.10.2017

Verstehen und genießen
Rat der Religionen Leverkusen diskutiert über Heilige Schriften
Gibt es heilige Bücher? Die im Rat der Religionen Leverkusen vertretenen Gemeinschaften lesen und lieben ihre Heiligen Schriften.


Rat der Religionen Leverkusen

In den buddhistischen Schriften sind Worte des Buddha (563-482 v.Chr.)  überliefert. Seine Schüler haben sie aufgeschrieben. Buddhistische Konzilen haben die Zusammenstellung der Lehrreden beschlossen. Sie bestehen aus philosophischen Texten und Regeln für Mönche und Nonnen. "Es ist aber kein heiliger Text", erkläre Marion GenRai Lukas, ordinierte buddhistische Nonne und Vorsitzende der Gemeinschaft Zaltho Sangha e.V., einer japanischen ZEN-Richtung. "Reflektiere die Texte für dich selbst", riet sie den interessierten Zuhörerinnen und Zuhörern.

Gotteswort im Menschenwort
Über die heiligen Schriften der christlichen Kirchen informierte Schulpfarrerin Gerlinde Anders (Ev. Kirchenkreis Leverkusen), der katholische Stadtdechant Heinz-Peter Teller und Priester Stefan Vis (Neuapostolische Kirche Opladen). Einig waren sie, dass der erste Teil der christlichen  Bibel vom Judentum übernommen ist. Tora, prophetische Bücher und Schriften bilden das Alte Testament der Christen. "Die Bibel hat für uns Christen enorme Bedeutung", sagte Priester Vis, "in jedem Gottesdienst, in jeder Predigt ist sie Ausgangspunkt für die Verkündigung." Die meisten Priester, auch Stefan Vis, sind Laienprediger und erhalten von der Neuapostolischen Kirche für ihren Dienst Leitgedanken mit Bibelauslegungen, an denen sie sich bei der Verkündigung im Gottesdienst orientierten. In der neuapostolischen Kirche werde die Bibel wortwörtlich ernst genommen. Da in biblischer Zeit nur Männer Amtsträger der christlichen Kirche gewesen seien, habe die wörtliche Auslegung zur Folge, dass dies auch heute in der neuapostolischen Kirche so sei.

"Die Bibel ist nicht vom Himmel gefallen", betonte Stadtdechant Teller, daher kann sie als "Gotteswort im Menschenwort" in jede Sprache übersetzt werden und muss in jeder Zeit ausgelegt werden. Die biblischen Texte sind zwischen 1000 v.Chr. und 130 n.Chr. entstanden durch mündliche, dann schriftliche Überlieferung.  Heute, so Teller mit Worten des Vaticanums II., sei der "Tisch des Wortes Gottes reich gedeckt".

Mehrdeutlichkeit der Bibel
Auch Pfarrerin Gerlinde Anders, die an der Rheindorfer Käthe-Kollwitz-Gesamtschule Evangelische Religion unterrichtet, erklärte, dass die Bibel wie literarische Texte analysiert werden. Eine wortwörtliche Auslegung nehme die Bibel nicht ernst. Sachgerechte Auslegung müsse das Vorverständnis offenlegen. Der Prozess des Verstehens setzt an der "Mehrdeutlichkeit"(!) der Bibel an und ist eine immerwährende Aufgabe. In ihrer persönlichen Bibel hat Gerlinde Anders viele Stellen angestrichen und mit Anmerkungen versehen.  "Mein Vater hat sie für mich in Leder eingebunden, und sie ist zum Teil meiner Lebensgeschichte geworden."

Überbietung aller Schriften
Ähnlich begeistert zeigten sich Imam Muhamed Mermari und Ismalj Memishi (Rat der Islamischen Gemeinschaften Leverkusen) von ihrer Heiligen Schrift, dem Koran: die 114 Suren enthalten das unverfälschte Wort Gottes, das bis zum Jüngsten Tag seine Gültigkeit behält. Für Muslime ist der Koran Zusammenfassung und Überbietung aller heiligen Bücher, auch der Juden und Christen. Er enthält Regeln und Gebote, wie man Gutes tun und Schlechtes vermeiden könne. Den Koran immer wieder zu lesen, werde nie langweilig. Imam Muhamed Mermari: "Genieße es!"

Fortsetzung: Macht des Geldes
Die Reihe der interreligiösen Gespräche werden  fortgesetzt am Donnerstag, 23.11.2017, 19.00 Uhr in der Sparkasse Leverkusen, Haupteingang Friedrich-Ebert-Str. 39, 51373 Leverkusen. Thema: „ Macht des Geldes“ - Was bedeutet Geld in den verschiedenen Religionen?

Christen, Buddhisten und Muslime tauschen sich aus; Rheinische Post, 7.11.2017

Pfarrerin Gerlinde Anders
Imam Muhamed Mermari
Marion GenRai Lukas
Ismalj Memishi
Stadtdechant Heinz-Peter Teller